Ehrenamtliche in Pfarreien

Hilfen bei Missbrauch in der Kirche

Beim Thema Kirche und Missbrauch geraten auch Ehrenamtliche in den Pfarrgemeinden unter Rechtfertigungsdruck, weshalb sie sich ausgerechnet dort engagieren. Die Domberg-Akademie hat deshalb Anliegen und Sorgen engagierter Gläubiger bei einer Veranstaltung in den Blick genommen.

Generalvikar Klingan ermutigt Betroffene, sich an die Anlauf- und Beratungsstelle der Erzdiözese zu wenden. (Symbolfoto) © Photographee.eu - stock.adobe.com

Freising – Die Missbrauchsthematik in der katholischen Kirche hat enorme Auswirkungen. Nicht erst seit Veröffentlichung des Münchner Gutachtens zu Fällen sexualisierter Gewalt gibt es vermehrt Kirchenaustritte und verunsicherte Mitarbeitende. Sogar Ehrenamtliche geraten unter Rechtfertigungsdruck, weshalb sie sich ausgerechnet für die Kirche engagieren. Insbesondere sie sind Zielgruppe einer digitalen Veranstaltung der Domberg-Akademie mit dem Titel „Missbrauch in meiner Kirche – Anfragen und Konsequenzen“. Daran beteiligen sich neben Pastoralpsychologin Barbara Haslbeck auch Generalvikar Christoph Klingan und Amtschefin Stephanie Herrmann.

„Wo Missbrauch anfängt? Im Kopf! Und überall da, wo ich die Grenzen des anderen verletze“, betont Herrmann in ihrem Statement. Die Amtschefin des Erzbischöflichen Ordinariats München und Generalvikar Klingan geben zunächst gemeinsam Informationen zum Missbrauchs-Gutachten, das die Erzdiözese bei der Kanzlei Westphal, Spilker, Wastl in Auftrag gegeben hat. Dazu wurden 71 Zeitzeugen befragt. Schließlich konnten 65 Verdachtsfälle als erwiesen eingeordnet werden und weitere 146 Fälle als „plausibel“. 141 weitere Fälle waren nicht abschließend zu beurteilen und 11 konnten widerlegt werden. „Werden Verdachtsfälle ab jetzt konsequent der Staatsanwaltschaft übergeben?“, fragt eine Teilnehmerin im Chat. „Ganz klar: Ja“, antwortet Herrmann.

Präventionsschulung ist Pflicht

Die Erzdiözese hat für sich Konsequenzen aus der Missbrauchs-Thematik gezogen. So durchlaufen Hauptamtliche in den Bereichen Pastoral und Pädagogik eine verpflichtende Präventionsschulung. Perspektivisch soll ein Schutzkonzept für jede Pfarrei beziehungsweise jeden Pfarrverband verpflichtend werden. Außerdem besteht für Pfarreien, in denen Missbrauch vorkam oder vorkommt, die Möglichkeit zur Supervision. Eine weitere Änderung sei zudem, so Generalvikar Klingan, konsequent den Blickwinkel der Betroffenen einzunehmen. Für den ehrenamtlichen Betroffenenbeirat der Erzdiözese solle demnächst auch wieder eine Frau zur Mitarbeit gewonnen werden.

Dann haben auch die gut 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, in Kleingruppen darüber zu sprechen, was die Missbrauchsdebatte in ihnen auslöst. Herrmann und Klingan stellen sich anschließend der Diskussion. „Ich soll in meiner Pfarrei die Aufgabe der Präventions-Ansprechpartnerin übernehmen. Dafür fühle ich mich aber nicht genügend vorbereitet“, sagt etwa eine Teilnehmerin. Bei der Schulung Ehrenamtlicher zu diesem Thema sei „Luft nach oben“, räumt dann auch Generalvikar Klingan ein, ohne hier eine baldige Abhilfe versprechen zu können. Allerdings verweist er auf die Anlauf- und Beratungsstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch der Erzdiözese. Sie sei unter der Telefonnummer 089/2137-77000 erreichbar und mit Fachleuten besetzt. Hier habe es bisher 200 Anrufe gegeben, nicht nur von Betroffenen, sondern auch von Menschen, die berichten wollten, wie es ihnen mit der Thematik gehe. Die Erzdiözese ermutige in Gesprächsforen wie diesem dazu, sich dort zu melden.

Falsche Vorurteile über Betroffene 

„Klischees über Betroffene machen es schwer, über Erlebtes zu sprechen“, erklärt schließlich Haslbeck. Die Pastoralpsychologin schrieb ihre Doktorarbeit über das Thema „Sexueller Missbrauch und Religiosität: wenn Frauen das Schweigen brechen“ und gilt als ausgewiesene Expertin für Prävention und Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Über Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt hätten, gebe es unpassende Vorurteile: Sie seien „kaputt“ oder „gebrochen“, oft „rachsüchtig“. „Doch das stimmt nicht“, betont Haslbeck. „Es handelt sich vielfach um Menschen mitten in der Kirche, denen man ihre Erlebnisse nicht ansieht.“ Eine Betroffene habe ihr gesagt, sie brauche kein Mitleid, sondern sie wolle ernst genommen werden.

Der Umgang mit dem Thema sei für engagierte Ehren- und Hauptamtliche ein Spagat. Während die einen Überdruss verspürten, rieben sich andere an dem Thema auf und seien deshalb psychisch erschöpft. „Beides gehört zum Thema Missbrauch. Und diese Situation kann Engagierte in ein Dilemma bringen“, weiß Haslbeck. Die Institution Kirche gehöre zu ihrem Leben, zugleich aber seien sie mit ihr unzufrieden. Das könne zu Spaltungen, abwehrenden oder überschießenden Reaktionen führen. Deshalb sei es wichtig, eine Position zwischen „zu viel“ und „zu wenig“ zu finden. Dazu seien Reflexions- und Erzählräume wichtig.

Austausch hat wegen Corona gelitten

Diese Position wird durch die nächste Kleingruppenphase bestätigt, die abschließend im Plenum zusammengeführt wird. Viele Beteiligte kritisieren, dass während der Corona-Pandemie die persönlichen Gesprächsmöglichkeiten in Gruppen und Gremien der Pfarreien sehr eingeschränkt waren. Man konnte zwar den Alltag irgendwie regeln, doch für einen tiefergehenden gemeinsamen Austausch über Themen wie den Missbrauch hätten vielfach die Möglichkeiten gefehlt. Diese gelte es nun, neu zu beleben. (Gabriele Riffert)

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