Adventruf

Manche Kinder kommen barfuß

Wolfgang Goß arbeitet als Schulsozialarbeiter an einer Mittelschule. Auch im reichen München hat er dabei jede Menge zu tun.

In der Vorfreude auf Weihnachten und in besinnlichen Stunden wird uns besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. © stock.adobe.com/mrmohock

München – Man mag es sich nicht vorstellen und kann es kaum glauben: Mitten in München gibt es Kinder, die nur ein Paar Schuhe besitzen, barfuß zum Schulsport kommen oder ohne Pausenbrot und Frühstück mit knurrendem Magen am Unterricht teilnehmen. „Manche unserer Schulkinder haben nur eine Hose. Ein Vater entschuldigte unlängst seinen Sohn, weil er mit halbnasser Hose in die Schule kam. Sie hätten keine Waschmaschine und würden mit der Hand waschen, daher sei die Hose nicht mehr ganz trocken geworden“, schildert Schulsozialarbeiter Wolfgang Goß eine typische Alltagssituation. „In solchen Fällen bin ich dankbar für Spenden, die es uns möglich machen, schnell und unbürokratisch Gutscheine für Lebensmittel oder Kleidung auszugeben“, sagt Goß und verteidigt die Eltern der Kinder. „Viele von ihnen putzen nachts in Büros und kommen trotzdem finanziell auf keinen grünen Zweig.“

Spannende Tätigkeit

Seit neun Jahren arbeitet der 52-Jährige zusammen mit einer Kollegin und einem Kollegen von Montag bis Freitag in der Schul- und Jugendsozialarbeit an der Mittelschule in der Implerstraße in München. „Als ich jung war, habe ich beim Pflegedienst und in der Sterbebegleitung gearbeitet. Jetzt, wo ich älter bin, arbeite ich sehr gerne mit jungen Menschen, die am Anfang ihres Lebens stehen.“

Die Schulsozialarbeit sei spannend und sehr nah dran an dem, warum er Soziale Arbeit studiert habe, erklärt der gelernte Landschaftsgärtner und studierte Sozialpädagoge mit theologischer Zusatzausbildung. In seinem Beruf und im Einsatz für die Armen und Ausgegrenzten habe er zuvor seit über 20 Jahren gearbeitet – in der Straffälligenhilfe, als Streetworker und mit arbeitslosen Jugendlichen. „Von all meinen Arbeitgebern ist die Caritas der netteste. Ich habe hier so viele engagierte und nette Menschen kennengelernt und liebe meine Arbeit. Vielleicht könnte ich über all die Jahre nicht so viel Herzblut in die Arbeit stecken, wenn ich eigene Kinder hätte“, sinniert der Ur-Münchner in gepflegtem Bairisch.

Adventrufe


In der Vorfreude auf Weihnachten und in besinnlichen Stunden wird uns besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Wir möchten Ihnen deshalb auch heuer wieder Menschen vorstellen, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Dazu geben wir Einblicke in Einrichtungen, die sich dieser Menschen annehmen. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung (MK) auch dieses Jahr in der Adventszeit wieder gemeinsam um Spenden für die Aktion „Adventrufe“.

Beleidigungen sind tabu

350 Mädchen und Buben besuchen an der Implerschule den Unterricht. Viele von ihnen stammen aus kinderreichen Familien, wo die Finanzmittel knapp sind. Goß betont: „Wir gehen in der Schule sozial und freundlich miteinander um. Ganz selten gibt es ethnische Konflikte. Darauf legt die Schule großen Wert. Eine Beleidigung wegen Familie, Herkunft, Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung ist tabu.“ Die Basisintegration gelinge sehr gut. „Wenn ein Kind im September neu kommt und die Deutschklasse besucht, dann weiß ich, dass wir uns an Weihnachten gut unterhalten können“, berichtet der Pädagoge.

An Masken gewöhnt

Das Weihnachtsfest feierten fast alle Schulkinder mit ihren Familien, egal, wo sie herkämen. Es erfülle ihn mit Stolz, wenn er erfahre, dass aus den ehemaligen Schülerinnen und Schülern etwas geworden sei, dass sie in ihrem Leben angekommen seien. Erst neulich habe sich ein früherer Schüler bei ihm bedankt, dass er immer zu ihm gestanden habe. „Inzwischen hat er eine eigene Familie, Kinder und einen guten Job“, freut sich Goß. „Während der Corona-Anfangszeit sind die Kinder zunächst vollkommen verstummt. Jetzt haben sich alle an die Masken gewöhnt und können sogar wieder streiten und diskutieren“, amüsiert sich der Schulsozialarbeiter. Am Tag des Interviews ist er dreimal von der Schulleitung ausgerufen worden. „Dann handelt es sich meist um Konflikte. Entweder ein Schüler weint oder ein Elternteil oder alle zusammen. Das letzte Mal ging es darum, einen Streit zwischen zwei Schülern zu schlichten.“

Keine Sanktionen

Der 52-Jährige findet es gut, dass sein Team, im Gegensatz zu den Lehrkräften, keine Sanktionen aussprechen muss. „Wir fragen nicht danach, wer angefangen hat, sondern helfen dabei, dass jeder zu Wort kommt und jedem zugehört wird. Die Kinder vertrauen uns, denn sie können sich darauf verlassen, dass wir nicht petzen gehen. Wir geben ihnen die Möglichkeit, selbst Lösungen zu finden, um sich wieder zu vertragen.“

Hilfe durch Ehrenamtliche und Spenden

Natürlich gehe es bei der Schulsozialarbeit jeden Tag auch viel um soziale Fragen, Geldprobleme, Behördenanträge, Nachhilfe, den Bildungspakt oder die Koordination von ehrenamtlichen Unterstützern. Viele Hilfestellungen seien nur möglich, weil ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sich mit unendlicher Geduld und viel Freude um die Kinder kümmerten: in der Nachhilfe, bei den Hausaufgaben, der Sprachförderung und manchmal auch bei Freizeitaktivitäten. „Vieles ist aber auch nur deshalb möglich, weil wir auf Spenden zurückgreifen können. Zum Beispiel für Wörterbücher, Nothilfen oder therapeutische Angebote“, erklärt der rührige Sozialarbeiter – und schon klopft es wieder an seiner Tür, weil eine Schülerin seinen Rat sucht. (Marion Müller-Ranetsberger, Caritas-Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Wenn Sie helfen möchten, können Sie unter dem Stichwort „Adventruf 2020“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München spenden:
IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79
BIC: GENODEF1M05

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Adventrufe Advent & Weihnachten

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