Psychologie

Warten zu Weihnachten

In der Vorweihnachtszeit fällt es gerade Kindern besonders schwer, zu warten. Über Bedeutung und Herausforderung des Wartens spricht Sybille Loew von der "Münchner Insel" im Interview.

In der Vorweihnachtszeit fällt es gerade Kindern besonders schwer, zu warten. © Irina Schmidt - stock.adobe.com

mk online: Vielen Menschen fällt das Warten sehr schwer. Warum ist es trotzdem gut, auch einfach mal zu warten?

Sybille Loew: Dass das Warten vielen so schwerfällt, hat natürlich damit zu tun, dass wir beim Warten Geduld brauchen. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir im Warten manchmal mit Ohnmacht konfrontiert sind, damit, dass wir keine Kontrolle über das Geschehen haben. Warten braucht also Vertrauen und Zuversicht. Ich denke, der Gewinn des Wartens ist, dass es eine Verlangsamung beinhaltet: Man kann nicht mit Tempo warten. Man muss dabei den Blick auf etwas richten, ohne dass man es schon hat. Ich habe einmal nachgeschaut, wo denn der Begriff des Wartens etymologisch herkommt. Da bedeutet „Warten“ erstmal verweilen, bei etwas bleiben, bis etwas Bestimmtes eintritt. Aber wir alle kennen ja auch die Warte, von der man Ausschau hält, die Sternwarte zum Beispiel, wo man etwas in den Blick nimmt. Und wir kennen das Wort „Wartung“, wo man etwas pflegt, auf etwas achtet. Das finde ich schön, dass das Warten auch dieses Ausschauhalten und das „achtsam in den Blick nehmen“ beinhaltet, ohne dass das Erwartete schon da ist.

In der Vorweihnachtszeit fällt es ja gerade Kindern besonders schwer zu warten. Wie kann es gelingen, Warten zu lernen?

Loew: Tatsächlich ist das vorweihnachtliche Warten für Kinder eine große Aufgabe, weil sie, je kleiner sie sind, noch keinen Zeitbegriff haben und sich noch nicht vorstellen können, was diese vier Wochen der Adventszeit bedeuten. Aber ich denke, auszuhalten, etwas nicht sofort zu haben, dass Kinder also eine gewisse Frustrationstoleranz erlangen, ist eine wichtige Fähigkeit für das Leben. Da gibt es natürlich diesen schönen Brauch des Adventskalenders. Als unsere Tochter noch klein war, haben wir außerdem einmal die Krippenfiguren „loslaufen lassen“ durch die Wohnung: von der Küche in Richtung Wohnzimmer, wo an Heiligabend die Krippe steht. Maria und Josef wanderten also gemeinsam, natürlich noch ohne Kind, durch den Flur, jeden Tag ein bisschen weiter. Da wurde die Zeit nochmal spürbar in diesem Weg, den die beiden zurückgelegt haben.

Kann man sagen, wer es nicht gelernt hat zu warten, bekommt im Leben schneller Probleme?

Loew: Ich würde es befürchten, ja. Ich glaube, dieser Anspruch „Mir steht alles zu, ich will alles sofort haben, ich habe ein Recht auf alles“ – das ist eine Haltung, die nicht einfach ist. Gerade, wenn man damit konfrontiert wird, dass dem nicht so ist, dass man in vielen Bereichen keine Kontrolle hat. Man hat auch in Beziehungen keine Kontrolle über andere Menschen.Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass wir auch aushalten, dass wir uns auf einen Weg begeben müssen und dass das oft ein Prozess ist. Aber auch wenn ich auf materielle Güter oder auf einen Zeitpunkt warte, braucht das eben dieses „in den Blick nehmen“, das Vergewissern: Welche Werte verbinde ich mit dem Erwarteten? Ist es das wert, dass ich darauf warte?

Es gibt aber auch ein Warten, das schädlich sein kann. Wie findet man heraus, wann Handeln statt Abwarten angezeigt ist?

Loew: Eine Entscheidung braucht den richtigen Zeitpunkt, die richtigen Fakten und sicherlich auch die Intuition: „Jetzt muss das Warten aufhören, jetzt bin ich gefragt zu handeln!“ Ich denke, diese Mischung ist nötig, damit wir zum richtigen Zeitpunkt ins Handeln kommen.

Viele kennen es: Wir schieben Lästiges und Unangenehmes gern auf. Was raten Sie Menschen, die zum endlosen Aufschieben neigen?

Loew: Wenn ich ins Handeln komme, muss ich Verantwortung übernehmen. Dann muss ich mir danach vielleicht auch eingestehen: „Mein Handeln war richtig oder eben nicht so gut.“ Im vergangenen Jahr, in dem gerade Auszubildende oder Studierende in einer sehr schwierigen Situation waren, haben wir vielfach erlebt, dass junge Menschen die Prüfungen, das Lernen, die Arbeit vor sich hergeschoben haben. Die Frage ist dann: Was vermeiden sie durch das Warten? Vielleicht steckt manchmal der Gedanke dahinter: „Wenn ich die Prüfung hätte und fertig wäre, wüsste ich gar nicht, ob ich in dem Bereich wirklich tätig sein will.“ Was Menschen tun können, die von so einer „Aufschieberitis“ betroffen sind, ist, sich die Ziele so klein wie möglich zu stecken. Wenn ich etwa eine Prüfung schreiben und dafür lernen muss und das große Ganze anschaue, denke ich vielleicht, „Oh Gott, das muss ich alles wissen?“ Dann erschlägt mich das vielleicht und ich fange gar nicht erst an. Ich könnte das Ganze aber in Portionen teilen und mir sagen: „Heute lerne ich diesen kleinen Teil!“ Wenn ich das geschafft habe, ist das besser als gar nichts. Auch wenn ich das Gefühl habe, es ist unmöglich bis zum Tag der Prüfung alles zu schaffen: Wenn ich wenigstens angefangen habe, habe ich immerhin einen Teil des Wissens verfügbar.

Wir sollten mehr warten und weniger erwarten – stimmen Sie diesem Spruch zu?

Loew: Ich denke, das ist durchaus eine Weisheit. Wir alle kennen es beispielsweise in Bezug auf das Weihnachtsfest, dass unsere Erwartungen enorm hoch sind – und nicht nur unsere Erwartungen, sondern auch die Befürchtungen, die wir damit verbinden: dass es vielleicht wieder einen Streit geben wird, dass wieder etwas nicht so hinhaut, wie wir uns das gewünscht haben. Das birgt natürlich das Potential der Enttäuschung. Warten im Sinne von „etwas auf sich zukommen lassen“, dieses dann im Hier und Jetzt zu genießen, und dabei die eigenen Befürchtungen und vielleicht zu hohen Erwartungen zu dämpfen ist, glaube ich, eine große Kunst. (Interview: Katharina Zöpfl und Alois Bierl)

Sybille Loew ist Theologin, Kunst- und Psychotherapeutin sowie katholische Leiterin der „Münchner Insel“, einer ökumenischen Anlaufstelle für Lebens- und Krisenberatung im Untergeschoss des Münchner Marienplatzes.

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