Veröffentlichung erwartet

Darum geht es im Münchner Gutachten zu Missbrauch

In der kommenden Woche wird eine Münchner Anwaltskanzlei ein Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising veröffentlichen. Die wichtigsten Fragen und Antworten, um was es dabei geht.

Bekannt ist, dass laut Aktenlage von 1945 bis 2009 in der Erzdiözese 159 Priester wegen sexueller Übergriffe an Minderjährigen "auffällig geworden" sind. © Imago/allOver-MEV

Warum wurde diese bereits zweite Untersuchung in Auftrag gegeben?

Als Hauptzweck wurde bei der Beauftragung Ende Februar 2020 die vollständige Veröffentlichung genannt. Der Bericht soll Versäumnisse einzelner Verantwortlicher benennen und klären, wie es dazu kommen konnte, dass Missbrauchsfälle vertuscht wurden. Es geht auch um die Jahre von 2010 bis 2019. Das ist im Wesentlichen die Amtszeit von Kardinal Reinhard Marx. Eine erste Untersuchung, die im Dezember 2010 abgeschlossen wurde, deckte den Zeitraum von 1945 bis 2009 ab.

Wieso wurde der erste Bericht nicht veröffentlicht?

Nach Auskunft der Erzdiözese München und Freising sprachen damals Datenschutzgründe dagegen. Der 250 Seiten umfassende Text liegt bis heute in einem Tresor im Münchner Ordinariat. Den Inhalt kennen nur Marx, sein langjähriger Generalvikar Peter Beer, und wenige andere Menschen. Einige Ergebnisse wurden publiziert und auf der Internetseite des Erzbistums eingestellt.

Was ist bekannt?

Bekannt ist, dass laut Aktenlage von 1945 bis 2009 in der Erzdiözese 159 Priester wegen sexueller Übergriffe an Minderjährigen "auffällig geworden" sind. Die Anwälte gehen aber von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Verurteilt worden seien 26 Geistliche, 17 weiteren ließen sich Sexualdelikte nachweisen. Alle diese Priester seien inzwischen tot. Die Personalakten wiesen zum Teil erhebliche Lücken auf, in großem Umfang seien Dokumente vernichtet worden. Vor allem Kleriker hätten einen "rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes" betrieben, um die Opfer habe sich die Kirche nicht ausreichend gekümmert.

Wer sind die Anwälte?

Die Kanzlei Westphal Spilker Wastl (WSW) ist schon für mehrere Diözesen tätig geworden. Im Auftrag des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke untersuchte sie riskante Anlagegeschäfte mit Bistumsvermögen auf dem US-Immobilienmarkt. Für das Bistum Aachen legten die Münchner Anwälte im November 2020 eine Missbrauchsstudie vor. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki beauftragte sie ebenfalls mit einem solchen Gutachten. Kurzfristig zog er aber seine Zustimmung zur Veröffentlichung 2020 zurück, weil er es für mangelhaft und nicht rechtssicher befand, und gab einen weiteren Auftrag an andere externe Juristen.

Wie unabhängig ist die neue Studie?

So unabhängig, wie es eine Auftragsarbeit sein kann. Die Kanzlei hat schon einige Mandate von der Münchner Bistumsleitung erhalten, was intern und extern Kritik hervorgerufen hat. Spekuliert wird in diesem Zusammenhang über eine gewisse wirtschaftliche Abhängigkeit. Der frühere Richter am Bundesgerichtshof, Thomas Fischer, kritisierte in einem Gastbeitrag am 24. Dezember 2021 auf "Spiegel-online" das Verfahren generell als rechtswidrig. Schuld und Verantwortung kirchlicher Amtsträger müssten in einem kirchlichen Disziplinarverfahren nach rechtsstaatlichen Grundsätzen festgestellt werden. Es gehe nicht an, über private Verträge privaten Anwaltskanzleien das Recht einzuräumen, "Urteile ohne Richter" zu fällen und diese zu publizieren.

Wann und wie wird die Untersuchung veröffentlicht?

Der Termin wurde mehrfach verschoben, zuletzt Anfang November 2021. Zur Begründung sagten die Anwälte, man müsse zuerst neu gewonnene Erkenntnisse überprüfen. Die Publikation ist nun für die kommende Woche in Aussicht gestellt. Die Kanzlei legt Wert auf die Feststellung, dass sie dabei freie Hand hat. Kardinal Marx werde nicht vorher informiert.

Was kostet das Gutachten?

Für München liegt dem Vernehmen nach noch keine Rechnung vor. In Köln betrug ihr Honorar laut einer Aufstellung des dortigen Erzbistums 757.000 Euro.

Wer sind die wichtigsten lebenden Verantwortungsträger, um die es in München geht?

Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. (2005-2013), war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Nach ihm kam für 25 Jahre Kardinal Friedrich Wetter, bis 2008 Reinhard Marx übernahm. Aus Ratzingers Münchner Amtszeit lebt noch der damalige Generalvikar Gerhard Gruber. Ratzinger, Wetter und Gruber sind schon über 90 Jahre alt. Im Fokus stehen außerdem Peter Beer, von 2010 bis 2020 Generalvikar, heute Professor an der Universität Gregoriana in Rom und Mitarbeiter des päpstlichen Kinderschutzexperten Hans Zollner; und der langjährige Münchner Kirchenrichter Lorenz Wolf, der etliche Urteile in kirchlichen Missbrauchsprozessen zu verantworten hat. Mehrere Verfahren führte er im Auftrag der Kirchenleitung in Rom. (Christoph Renzikowski/kna)

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