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25.01.2013

Deutsche Studie: „Die Kirche ist nicht im Heute angekommen“

Viele Christen verstehen sich nicht mehr als im traditionellen Sinn gläubig, unter den Katholiken schwindet die Verbindlichkeit der Lehre, Glaube wird individualisiert gelebt: Sätze wie diese hört man oft über den Zustand der Kirche. Jetzt sind sie wissenschaftlich belegt: Die MDG, eine Dienstleistungsgesellschaft der deutschen Bischofskonferenz, hat an diesem Donnerstag gemeinsam mit dem Sinus-Institut nach 2005 zum zweiten Mal eine umfassende Studie zur Situation des Katholizismus in Deutschland vorgestellt.

 

Drei Dinge prägen die Ergebnisse der Studie: Der Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche in Deutschland, der Strukturwandel innerhalb der Bistümer und Pfarreien und eine wahrgenommene Spaltung zwischen „Oben“ und „Unten“. Georg Frericks, Projektleiter der Studie, fasst das so zusammen: „Als Haupterkenntnis würde ich bezeichnen, dass durch alle Milieus hindurch eine kritische Sicht auf die katholische Kirche vorherrschend ist und dass alle Milieus das Gefühl haben, dass die Kirche nicht in der Zeit heute angekommen ist. Die Konsequenzen sind unterschiedlich, aber das ist das, was ich als den roten Faden bezeichnen würde."

 

Einer der Berater der Studie, der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz, spricht sogar davon, dass die Studie die Möglichkeit zum Ausdruck bringt, „dass die katholische Kirche in Deutschland kollabieren könnte - weniger durch massive Kirchenaustritte, als durch wachsende Irrelevanz und Selbstbeschädigung.“ Die Studie will das aber nicht allgemein, sondern aufgeschlüsselt nach so genannten Milieus darstellen. Diese werden zum einen klassisch nach ökonomischen Möglichkeiten, dann aber auch nach Grundorientierungen wie Traditionsverwurzelung, Statusdenken, Pragmatismus oder Selbstverwirklichung unterschieden.

 

Reform und Säkularisierung

 

Alle Milieus haben gemeinsam, dass sie nach Aufklärung bei den Missbrauchsfällen verlangen - der Vertrauensverlust zeigt sich als tiefgehend und anhaltend. Gemeinsam ist aber allen Milieus auch, dass die Kirche nach Ansicht der Befragten moderner werden muss. Lösungen sind aber nicht allein bei der Kirche zu suchen,

„denn wir arbeiten natürlich gegen gesellschaftliche Trends, das muss man auch ganz klar sehen. Die Säkularisierung unserer Gesellschaft schreitet stetig voran. Diese betrifft auch andere Institutionen unserer Gesellschaft, nicht nur die Kirche. Aber das birgt auch Chancen, weil in allen Milieus auch eine Sinnsuche wahrnehmbar ist, auf die wir Antwort geben können. Wichtig wäre, dass man hier die Ärmel hochkrempelt und die Themen angeht und nicht wieder den Kopf in den Sand steckt, denn dann überrollt uns einfach die Entwicklung, die unsere Welt und unsere Gesellschaft durchmacht.“

Schaut man sich die Milieus im Einzelnen an, finden sich Katholiken vor allem im traditionellen und im konservativ etablierten Milieu, sie sind aber auch in den anderen Milieus vertreten, wie etwa der bürgerlichen Mitte, dem liberal-intellektuellen und dem so genannten ‚Milieu der Reformer’, wenig bis gar nicht aber im prekären Milieu der ökonomischen Unterschicht und im Milieu der Expeditiven, also der dezidiert postmodern netzaffinen Experimentierer.

Das ist eine schlechte Nachricht, in der sich aber auch eine gute verberge, so Frericks. „Die so genannten Expeditiven sind ein spirituell offenes Milieu, und was liegt der Kirche näher als Antworten auf eine spirituelle Suche zu geben. Vielleicht haben wir noch nicht die richtigen Antworten, vielleicht haben wir noch nicht die richtigen Menschen in unseren Reihen, die dieses Milieu erreichen, aber dort wo jemand spirituell auf der Suche ist, sind das natürlich die besten Voraussetzungen für kirchliches Wirken.“

 

Was genau steht in der Studie?

 

Marc Calmbach betreut die Studie von Seiten des Sinus-Instituts, also der Forschungsstelle, die die Untersuchung für die MDG unternommen hat. Ihm ist bei der Betrachtung vor allem eins aufgefallen, nämlich „dass wir kein einziges kirchenidentifiziertes Milieu in Deutschland mehr haben. Das war 2005 noch anders. Man muss sagen, dass die Missbrauchsfälle und vor allem deren ungenügende Aufklärung dafür gesorgt haben, dass vor allem in konservativ-etablierten Milieus am traditionellen Rand die Menschen über die Kirche sehr verunsichert und aufgebracht sind.“

 

Und diese Unsicherheit hat auch einen Namen, wie Calmbach ausführt. Die Befragten haben klar benannt, was ihr Problem mit der Kirche und dem Glauben ist, und zwar durch alle Milieus hindurch:

 

„Die wurden schon sehr konkret. Sie sagen, dass es keine lebensweltliche Anbindung mehr gibt, man versteht auch nicht, worüber der Priester spricht, man versteht die Gleichnisse nicht mehr: Man kann keinen Bezug zum eigenen Alltag mehr herstellen. Vor allem die Menschen in den jüngeren Milieus sagen, dass es ihnen zu langsam und zu langatmig ist und dass es sich mit ihrem Alltag nicht mehr berührt.“

 

Wie aber jetzt damit umgehen? Die ersten Reaktionen in den Medien und auch bei Beteiligten waren ja, nach Folgen zu fragen und danach, was jetzt getan werden soll. Dazu haben die Befragten selbst nicht wirklich viel beitragen wollen.

 

„Die Menschen zeichnen keine Utopie von Kirche in dem Sinn, dass sie mit ganz konkreten Änderungswünschen aufwarten. Was sehr auffällig ist, gerade im Kernklientel der Kirche bei den liberal-Intellektuellen und konservativ Etablierten, ist ein sehr großer Wunsch nach mehr Mitbestimmung und mehr Engagement da und nach einer größeren Wertschätzung von Laienarbeit und auch der Wunsch nach mehr Demokratisierung. Aber generell sagen die Menschen auch, dass die Kirche wichtig ist, weil sie ein Mahner des Werteverfalls ist, weil sie sich dem Neoliberalismus kritisch gegenüberstellt, weil sie soziale Dienstleistungen anbietet. Da erkennen die Menschen die Wichtigkeit von Kirche in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.“

 

Wichtig scheint Calmbach aber eine Hinwendung zu einem Milieu, das völlig unterrepräsentiert ist: Dem prekären Milieu, also dem ökonomisch schwachen und durch fehlende Religionsbezüge geprägten Milieu. Hier könne ein altes Prinzip der Kirche helfen.

 

„Die Kirche muss Option für Arme bleiben, muss sich aber auch hinterfragen, inwiefern sie mit den Personal, das sie hat, also stark post-materiell geprägtem Personal, die richtige Sprache finden für die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, die eine ganz andere Wertehaltung haben und ihren Sinn ganz anders konstruieren. Man sieht gar nicht die Ressourcen, die bei uns schlummern.“

 

Das Buch mit den Studien zu den einzelnen Milieus liegt nun vor; was aber folgt daraus? Noch einmal Georg Frericks, Projektbetreuer für die kirchliche Institution, die den Auftrag zur Studie gegeben hat.

 

„Die Kirche nutzt die Ergebnisse sehr stark im Bereich der Pastoral, wo sie als Instrumentarium sehr stark im Einsatz ist, um die Menschen und ihre Bedürfnisse differenzierter wahrzunehmen. Ein Großteil der deutschen Diözesen arbeitet in irgendeiner Form mit diesem lebensweltlich orientierten Ansatz. Der zweite Aspekt betrifft den medialen Bereich, die Kommunikation. Auch da haben wir festgestellt, dass in den letzten Jahren sehr weit verbreitet ist, mit den Sinus-Milieus als gängigem Zielgruppenmodell zu arbeiten. Das trifft etwa die Redaktionsarbeit, oder die Arbeit in Buchverlagen, die sich genau anschauen, welche Bedürfnisse die Menschen haben und mit welchen Themen sie zu erreichen sind. Dass ist das große Problem: In der Religionspädagogik sagt man so schön, dass die Religion Antworten auf Fragen gibt, die die Menschen nicht stellen. Aus dieser Falle müssen wir heraus kommen. Diese Falle kann man sich bewusst machen, in dem man sehr genau so etwas wie dieses neue Milieuhandbuch liest.“

 

(rv/kirchenradio/katholisch.de 25.01.2013 ord)

 


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